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Bäckerei Boldt

Familienbäckerei seit 120 Jahren
Die Dierhäger Bäckerei Boldt – mittlerweile seit 120 Jahren im Familienbesitz, ist sie wohl die älteste heute noch existierende Firma in Dierhagen.
Die Geschichte der Bäckerei ist eng verbunden mit allen Höhen und Tiefen mecklenburgischer Geschichte seit dem Kaiserreich.

Familie Hans und Anni Boldt

Familie Hans und Anni Boldt
Quelle: Archiv Karl Boldt


Der Standort der Firma ist nach wie vor die Lindenstraße 14. Die ursprüngliche Bebauung war ein Doppelhaus (Büdnereien 13 und 14), das beim großen Brand 1859 verschont blieb. In der Haushälfte „Büdnerei 14“ wohnte eine allein stehende junge Frau, die einen Bäcker heiratete. Beide eröffneten in ihrem Hause ca. 1880 eine Bäckerei. 1888 abgebrannt, wurde das Gebäude als Büdnerei 14 von dem Besitzer wiederaufgebaut. Noch vor der Fertigstellung des Hauses verzog die Familie aus Dierhagen und die Büdnerei nebst der im Bau befindlichen Bäckerei erwarb mein Urgroßvater Heinrich Staben.

Der genannte war vordem Eigner und Schiffer der Galeasse „Sophi Elise“. Das Schiff hatte er von seinem Vater übernommen, der es 1833 bauen ließ. Die zwischenzeitlich schon hochbetagte Galeasse ging 1882 durch ein Leck in der Ostsee in der Nähe von Jedser Rev unter. Das Schiff war auf der Fahrt von Rostock nach Riga, es fuhr unter Ballast, als es plötzlich einen Wassereinbruch bekam. Die ganze Mannschaft arbeitete an den Pumpen. Der Wassereinbruch war aber so stark, dass das Schiff in kurzer Zeit sank. Die gesamte Besatzung konnte sich im Beiboot retten, sie wurde von einem anderen Schiff aufgenommen.
Da das Schiff nur ungenügend versichert war, stand Heinrich Staben nach dem Unglück mit (fast) leeren Händen da. Mittlerweile schon 52 Jahre, sah er aufgrund des absehbaren Niedergangs der Segelschifffahrt keine geeignete Möglichkeit in seinen Beruf zurückzukehren. Er orientierte sich notgedrungen um. Mit dem Erwerb der im Wiederaufbau befindlichen Bäckerei schuf er eine neue Existenz für sich und seine Familie, zu der vier Kinder gehörten, von denen zwei behindert waren. Heinrich Staben eröffnete 1890 die Bäckerei.

Neben der Bäckerei wurde die Büdnerei weiterhin bewirtschaftet. Der Ertrag aus den beiden Einrichtungen reichte zu Leben für die Familie, wobei Reichtümer damit nicht zu erwerben waren. Mein Urgroßvater führte die Bäckerei bis 1905. Durch Krankheit hatte er fast seine gesamte Familie verloren. So verstarben seine Frau und zwei Kinder an Lungen TBC, ein weiterer Sohn verstarb an Herzversagen.

Den Betrieb übergab er seiner Tochter Martha. Diese war mit dem Nautiker Carl Boldt verheiratetet, der bis dahin als nautischer Offizier zur See fuhr. Den Seemannsberuf gab er auf. Das für einen Bäcker erforderliche Fachwissen eignete er sich selbst an. Die Entscheidung den Beruf zu wechseln traf er freiwillig, da er hier die Möglichkeit sah, immer bei seiner Familie zu leben und nicht als Seemann Monate fern der Heimat zu sein.

Die Bäckerei wurde bis 1922 geführt. In den nachfolgenden Inflationsjahren konnte der Betrieb nicht gehalten werden, so dass mein Großvater in den Seemannsberuf zurückkehrte. Die Familie hatte vier Kinder, wobei der Sohn Hans, mein späterer Vater, in Rostock das Bäckerhandwerk erlernte. Die Lehre schloss er 1924 ab. Nach zwei Gesellenjahren konnte er mit Unterstützung seiner Mutter 1926 die Bäckerei wiedereröffnen. Die Backstube wurde zu diesem Anlass renoviert und der vorhandene Holzbackofen durch einen neuen Kohleofen ersetzt. Der Betrieb lief gut an – schnell hatten sich die Dierhäger an die wiedereröffnete Bäckerei gewöhnt. Meine Großmutter übergab das Geschäft 1929 meinen Eltern Hans und Anni Boldt. Hans Boldt und Anni Suhr hatten zuvor geheiratet.

1939 wurde mein Vater zur Wehrmacht einberufen. Seine Dienststelle war die Flugwache im Bereich des heutigen Campingplatzes "Dünencamp" in Dierhagen-Ost. Seine Dienstzeit betrug täglich 12 Stunden. In der freien Zeit backte er, so dass die Bäckerei weitergeführt werden konnte. 1943 musste auch er zum Einsatz an der Front, geriet in Gefangenschaft, von der im August 1949 heimkehrte.
Die Bäckerei selbst war von 1943 bis 1946 geschlossen. Am 1. Oktober 1946 wurde die Bäckerei durch meine Mutter Anni Boldt wiedereröffnet. Bis zur Rückkehr meines Vaters backte Walter Dietrich in der Bäckerei. Er war von Beruf Bäcker und bereits aus der Gefangenschaft zurückgekehrt. Später war er dann Leiter des FDGB Ferienheimes „Ernst-Moritz Arndt“ in Dierhagen-Strand.

In den fünfziger Jahren wurde die Backstube vergrößert, mehrere moderne Maschinen angeschafft, ein mehrherdiger Backofen gebaut. 1966 wurde der Laden durch einen Anbau vergrößert, die Fassade durch ein Schaufenster verändert, die Einrichtung erneuert.

1967 erkrankte Hans Boldt so dass er Bäckerhandwerk aufgeben musste. Im Juli diesen Jahres übernahmen wir, Inge und Karl Boldt die Bäckerei. Ich hatte von 1946 bis 1949 in Rostock das Bäckerhandwerk erlernt, war danach immer im elterlichen Betrieb tätig gewesen. Durch die Betriebsamkeit die im Ort, war die Bäckerei ein florierender Betrieb. Die Produktionsräume wurden erweitert und neue Maschinen erworben. Die Anforderungen, vor allem in der jährlich wiederkehrenden Urlaubsaison, konnten immer gemeistert werden, nicht zuletzt auch durch die große Unterstützung die wir immer von unseren Angestellten hatten.

Nach der Wiedervereinigung änderte sich einiges. Den Dampfbackofen, der bisher mit Kohlen geheizt wurde, ließen wir mit einer Ölfeuerung ausrüsten. Öl als Brennstoff war billiger. Auch wurde die Ölfeuerung mit einem Knopfdruck in Betrieb gesetzt, Kohlen mussten mit viel Aufwand hereingetragen werden. Es war eine große Arbeitserleichterung. Weiterhin erwarben wir einen ölbeheizten Stickenofen. Ein Stickenofen ist ein Gerät ähnlich einem großen Schrank, in dem Schragen (Wagen) mit mehren Blechen reingerollt werden.
Der gesamte Geschäftsablauf änderte sich. Die produzierte Ware wurde bisher im Wesentlichen im Laden der Bäckerei verkauft. Nun mussten wir durch das veränderte Kaufverhalten verstärkt die Nähe zur Kundschaft suchen. Am Hauptaufgang in Dierhagen-Strand und auf dem Campingplatz in Neuhaus stationierten wir einen Verkaufswagen, auf dem Zeltplatz in Dierhagen-Strand konnte ein kleiner Laden eingerichtet werden.
Im März 1995 hatte ich das Rentenalter erreicht. Am 1. April 1955 übernahm unser Sohn Werner mit seiner Frau Verena die Bäckerei. Im Frühjahr 1999 wurden die Produktionsräume vollständig abgerissen, danach stark verändert wieder aufgebaut. Der Dampfbackofen wurde in diesem Zusammenhang durch einen Etagenofen ausgetauscht. Das gesamte Gebäude der ehemaligen „Büdnerei 14“ bekam durch den Einbau neuer Fenster, neuer Türen, des Schaufensters und der Verklinkerung eine neue Ansicht.

Die Betriebsamkeit im Dorf wurde durch den Bau der Einkaufsmärkte am Rande des Dorfes eingeschränkt, was sich für die Lage der Bäckerei als ungünstig darstellt. Um dieser Entwicklung zu begegnen, wurde in Wustrow eine Filiale eröffnet und die beiden Verkaufswagen in Dierhagen-Strand sowie in Neuhaus durch Verkaufskioske ersetzt.
Den Inhabern wünschen wir bei der Führung der Bäckerei eine glückliche Hand, in der Hoffnung, den Betrieb auch in der Zukunft sicher zu führen. Der Sohn von Werner und Verena befindet sich in Rostock in der Bäckerlehre. Hoffen wir, dass er ein würdiger Nachfolger wird und die Bäckerei weiter besteht.

Text: Karl Boldt